Angesichts der Theodizeefrage Sakramente lehren und
lernen
von Günter Biemer, Freiburg
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0. Ist
Gott unfair?
Die
eigentliche Herausforderung im Zeitalter globaler Kommunikationsmöglichkeit
der Weltreligionen kommt aus dem unlösbaren Dilemma, daß der Kampf für das
Gute, die Gerechtigkeit und den Frieden keine Gratifikation von Gott findet,
obgleich die religiösen Traditionen dies verheißen, wie etwa in Psalm 1 dem
Zadik, der wie ein Baum am Bach gedeihe. Der Glaubwürdigkeit der Kirche widmen
sich ziemlich viele - auch Praktische Theologen, um etwa kritisch aufzuzeigen,
daß z.B. zwischen dekretierendem statt argumentierendem Lehrstil und Kirchenaustritten
Zusammenhänge bestehen. Wichtiger ist die Aufgabe, sich mit Gott selbst auseinander
zu setzen, IHN zu suchen in der gegenwärtigen Gottesfinsternis, IHN beim Wort
zu nehmen. Wie zeigt ER heute, daß ER auf der Seite der Gerechtigkeit wirkt
und den aufrichtigen Menschen stärkt statt ihn zu bestrafen - so fragte schon
Ijob. Ralf Sauer gehört zu
den Praktischen Theologen, die sich dieser Herausforderung im Dienst der Kirche
und Jugendlichen gestellt haben.
1. Zur Ausgangslage
Religion
lehren und lernen ist problematisch geworden. Das gilt nicht nur für den katholischen
oder protestantischen Religionsunterricht und die Katechese. Und das gilt
nicht nur für die christlichen Kirchen, die ihre Glaubwürdigkeit als Institutionen
in hohem Maße eingebüßt haben. In der gegenwärtigen Situation unserer Gesellschaft
ist vielmehr spürbar, was John Henry Newman bereits 1873 feststellte: "Das
Christentum hat noch nie die Erfahrung einer einfachhin nichtreligiösen Gesellschaft
gemacht." In der Zeit der sogenannten
heidnischen Antike waren immerhin die Ausgangsprinzipien des Denkens zwischen
Christen und Heiden gemeinsam: die Existenz des Göttlichen bzw. der Götter.
Dies ist in der nachchristlichen, multiideologischen Gesellschaft nicht mehr
der Fall. Heute wird vielmehr die religiöse und ethische Vertretbarkeit des
christlichen Gottesbildes in Frage gestellt, insofern ein Gott der Kriege,
der Rebellenstrafe, der Völkervernichtung in der Exodusphase radikal kritisiert
wird.
Katechese
der Sakramente setzt in Zukunft den Ansatz bei der Frage "Existiert Gott?" voraus. Die Lernzugänge
zur Dimension der Transzendenz, der Existenz Gottes, der Gestalt Jesu und der
Legitimation der Kirche müssen für jede einzelne Phase der Sakramentenkatechese
je neu geschaffen werden.
2. Fachwissenschaftliche Vergewisserung des Sakramentenverständnisses
2.1 Transzendenz
"Das Leben ist ihm
nicht gerecht geworden": die Rede von der "ontologischen Differenz"
im Sinne Martin Heideggers kann Transzendenz erschließen. Noch immer ist
die Wette von Blaise Pascal aktuell, der den Einsatz des Lebens mit der Unvergleichlichkeit
des Gewinns in dieser Welt in Spannung setzt. Aber das geistesgeschichtliche Exempel ist dem
Menschen mit der Durchschnittsbildung unserer Tage unzugänglich; zugänglich
ist ihm aber das Leben seiner Nachbarn, deren Schicksal sein eigenes spiegelt
und ihn betroffen macht.
Mit
exemplarischer Schärfe wird die Unabgegoltenheit und Ungerechtigkeit ungelebten
Lebens in unserem Jahrhundert an Opfern des Holocaust ablesbar. In seinem
"Experiment der Frage nach Gott" formuliert der Freiburger Religionsphänomenologe
Bernhard Welte diese Verweissituation als ethisches Postulat, wenn er sagt,
das Schicksal unschuldig ermordeter Kinder und das Schicksal ihrer Mörder
dürfe nicht auf dasselbe hinauslaufen, wie es der Fall wäre, wenn das Leben
dieser Menschen im Nichts endete. Jede Handlung eines Menschen, jedes Menschenleben
und die Menschheitsgeschichte insgesamt wären sonst sinnlos. Auf Sinn aber
könne nicht verzichtet werden, vielmehr spiele sich der Vollzug individuellen
und sozialen Lebens im Horizont vorausgesetzten Sinnes ab
Jede Art von
Religionsunterricht im weiten Sinn und somit auch Sakramentenkatechese muß
zunächst einmal die Grundlage dieser Differenz zwischen dem gelebten Leben
und dem darin enthaltenen Vorgriff auf das "Ganze" des Lebens herausarbeiten.
Mit der konkret einleuchtenden Formel "das Leben ist ihm/ihr nicht gerecht
geworden" scheint mir das möglich. Dieser Differenz muß die religionspädagogische
Aufmerksamkeit gehören. Sie muß auf jeder neuen Stufe der kognitiven Entwicklung
(Jean Piaget), auf jeder neuen Stufe des sittlichen und religiösen Urteils
entsprechend erarbeitet werden (Lawrence Kohlberg, Fritz Oser).
Als philosophische
Grundlage für die Erschließung der Transzendenzdimension eignen sich zwei
große Entwürfe, die im Verlaufe dieses Jahrhunderts erarbeitet worden sind:
von Martin Heidegger und von Emanuel Levinas.
In der existentiellen
Erkenntnis, daß "das Leben einem Menschen nicht gerecht geworden"
ist, steckt die Differenz zwischen dem gelebten Leben dieses Menschen und
seiner Teilhabe am Leben, das aus sich selbst ist (Gott). Martin Heidegger
hat die Differenz zwischen dem Seienden und dem Sein thematisch gemacht und
als ontologische Differenz bezeichnet. Seine Kritik der Philosophiegeschichte
in seinem Buch "Was ist Metaphysik?" galt der Seinsvergessenheit.
Zwar ist in der Wahrnehmung des "Durchstimmtseins vom Sein" noch
nicht der Schritt auf die Erfassung des Absoluten im religiösen Sinne getan
und doch scheint mir die Aufdeckung der ontologischen Differenz als ein geeigneter
Zugang. In seinem Vortrag "Was ist Technik?", den Martin Heidegger
1953 im Paulussaal in Freiburg gehalten hat, ist mir aufgegangen, daß die
Befangenheit im Machbarkeitsdenken und in der Einschränkung auf die Denkweise
technologischer Planbarkeit jenen Horizontverlust menschlichen Denkens und
des Menschseins bewirkt, der auch den Verlust der Religiosität zur Folge hat.
Die grotesk anmutende Kurzformel, die Heidegger gebraucht, wenn er die Technik
als das "Gestell" bezeichnet, macht auf die notwendige Transzendierung
zum Seinshorizont aufmerksam, die ich im Zusammenhang von Lernprozessen religiöser
Inhalte als Denkmodell und Denkfigur beanspruchen möchte.
Ontologisch gesehen, wären
Symbole bzw. Sakramente solche Zeichen und Vorgänge, an denen die Aufdeckung
(Transzendenz) vom Seienden zum Sein, vom Vorläufigen zum Endgültigen, vom
verheißenen Leben zur Verheißung selbst erlebbar wird. Martin
Heideggers eigene Ignoranz oder doch Abgewendetheit gegenüber dem konkret
geschichtlichen Unheil, das seine Generation durch den Holocaust mitverursacht
hat, gebietet den Einbezug einer Philosophie, die das mitmenschliche Vis-à-Vis
thematisch werden läßt. Dies ist im philosophischen Entwurf der "Difficile
Liberté" von Emanuel Levinas mit großem Konsens in der Gegenwartsphilosophie
aufgearbeitet. Damit wird die Erfahrung, daß "jemandem das Leben nicht
gerecht geworden ist" aus der Gefahr abstrakter Un-Betroffenheit herausgenommen
und in den Horizont gegenseitiger universaler Verantwortlichkeit gebracht,
zu dem Levinas das Bild vom gegenseitigen Geiselsein als Beziehungsmodell entwirft.
In diesem Gedankenmodell wird "Transzendenz in erster Instanz"
als Selbstüberschreitung auf den Mitmenschen hin, als Vollzug meiner selbst
im anderen verstehbar und geboten. "In zweiter Instanz" läßt sich
damit aber auch - nach Levinas - andenken und ausdenken, daß wir als Menschen
der Vollzugsort der Selbstent-äußerung oder Selbstüberschreitung Gottes in
das andere seiner selbst hinein geworden sind: der gedankliche Nachvollzug
des Mysteriums der Inkarnation. Wie dies Modell und Struktur für sakramentales
Denken sein kann, soll im weiteren Verlauf der Darlegungen gezeigt werden.
2.2 Symbol
"Das Symbol läßt einen konkreten Gegenstand
'explodieren', indem es Dimensionen aufdeckt, die sich aus der unmittelbaren
Erfahrung nicht ergeben". (M. Eliade) Bereits
in den prähistorischen Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux mehr als 10 000
Jahre vor Christus und in der Höhle von Puente Viesgo mehr als 20 000
Jahre vor Christus wurden Darstellungen von Tieren, Jagdzeichen, menschlichen
Körperteilen (Hände) aufgefunden, die nicht nur von der Imaginierung, sondern
auch der Symbolisierung Zeugnis geben. In den jüngeren Analysen über die
Bedeutung des Symbols von Ernst Cassirer, der den Menschen als "Homo
symbolicus" bezeichnet, über Susanne Langer, Paul Tillich, Mircea Eliade,
Paul Ricoeur u.a. lassen sich folgende Übereinstimmungen erkennen:
-
Symbolisierung
ist eine elementare und unverzichtbare Kommunikationsweise des Menschen.
-
Symbole
erschließen eine Dimension der Wirklichkeit, die mit begrifflicher Sprache
nicht auszuschöpfen ist, so daß von einer unerschöpflichen hermeneutischen
Kapazität des Symbols gesprochen werden kann (P. Ricoeur).
- "Das Symbol gibt zu denken" (P. Ricoeur),
weil es Zugänge zum Wirklichkeitsverständnis entbirgt und verbirgt, die uns
sonst nicht erschlossen würden.- Das Symbol zeigt die Ambiguität des Seienden
durch die "Struktur eines Doppelsinnes: das Seiende spricht auf viele
Weisen".
- Gerade die Tatsache der
Deutungsoffenheit des Seienden, die sich am
Symbol erkennen läßt, verweist auf die Deutungsbedürftigkeit.
- Die Verweisstruktur des
Symbols eröffnet einen ganzheitlichen Grund, den M. Eliade als "das Heilige"
bezeichnet, weshalb er Symbole ihrem Grundcharakter nach auch religiös nennt.
- Paul Tillich bezeichnet
in seiner Definition der Religiosität den Menschen als religiös, der sich
vom Absoluten angehen läßt bzw. auf die Tiefendimension des Daseins in seinem
Leben Bezug nimmt.
(Außer acht bleibt hier die Bedeutungsvielfalt,
die mit dem Begriff der Zeichen und Symbole Verweise auf Seiendes dechiffriert;
in diesem Sinne werden z.B. Verkehrszeichen in modernen Kommunikationstheorien
als Symbole kategorisiert)
Pädagogisches Fazit
Kinder, Jugendliche und Erwachsene in einer
technologischen Industriegesellschaft an die Bedeutsamkeit von Symbolen heranzuführen,
ist leicht und schwierig zugleich. Leicht, weil es auch in der Industriegesellschaft
eine Vielzahl von Symbolen gibt, die den Zusammenhang von Gegenstand und
Bedeutung aufdecken lassen: angefangen bei den "Standard"symbolen
der Motorräder und Autos, den verschiedenen Wohlstandssymbolen, wie die Werbung
sie anpreist, den Accessoires wie Ansteckern oder Aufnähmustern und Aufdrucken
von T-Shirts, Motorradkleidung und vielem anderem mehr. Schwierig, weil der
Zugang zum Symbolverständnis dort ungewohnt geworden ist, wo es um die Erschließung
der Tiefendimension des Daseins und die religiöse Bedeutung geht. Entscheidend
bei der Erschließung ist die aktive Beteiligung der Lernenden an einem Prozeß
des Symbolisierens, weil durch produktive und kreative Lernprozesse mehr erfaßt
und begriffen wird als bei der Rezeption von bloß vorgegebenen Informationen.
Ein exemplarisches Modell bot die Ausstellung des Bundes der Deutschen Katholischen
Jugend (BDKJ) anläßlich eines Katholikentages in Aachen (1986) unter dem
Motto: "Was mir heilig ist".
Jugendliche stellten Gegenstände
aus, die ihnen "heilig", also in einem eminenten Sinne wichtig geworden
sind. Zu solchen autobiographischen Souvenirs gehören Gegenstände etwa der
folgenden Art: zerschlissene Bergwanderschuhe, Teddybär, Rucksack, ein altes
T-Shirt, Freundschaftsringe, Tennisschläger, getrockneter Rosenstrauß, orangener
Judo-Gürtel, Bilder eines Tieres, einer Landschaft, eines Menschen. Alles
Seiende kann Bedeutungsträger, d.h. Symbol im weitesten Sinne des Wortes,
werden, sagt S. Peirce
Induktive
Lernsituationen
a) Lerneinheit: Dinge, die dir wichtig sindIn
einer Gruppe von Kindern, die sich zur Eucharistie-Katechese versammelt haben
(oder im analogen Alter eines 3. Schuljahres), könnte ein Lernauftrag in dieser
Intention lauten: Bring zur nächsten Gruppen-/Religionsstunde etwas mit, was
dir besonders wichtig und wertvoll ist -ein Geschenk, ein Spielzeug, ein
Haustier, ein Kleidungsstück, ein Bild. Lehr-/Lernschritte:
-
Ausstellung der Gegenstände und erste Benennung ohne Befragung der Eigentümer.
- Die Geschichte der Bedeutsamkeit, erzählt
von den Eigentümern.
- Stellungnahmen, Benennung, Symbolnamen.
- Tafelanschrieb, Fotografieren der Gegenstände,
Erinnerungsfoto an der Pinwand.
- Was haben wir gemacht? Wir suchen eine Themenbezeichnung für diese Gruppen-/Religionsstunde.
b) Unterrichtseinheit:
Wer bin ich und wie ich heiße.
1. Mein Name wurde mir von meinen Eltern gegeben
- was mir daran gefällt/nicht gefällt.
2. Welchen Namen ich gerne
hätte. Warum?
3. Wer ich sein möchte
c) Lerneinheit zur Bibel:
Gott sagt jedem, wie wichtig
er/sie ist:"Ich habe dich in meine Hand geschrieben. Du gehörst
zu mir" (Jes 49,16); eschatologisch: "Der weiße Stein,
auf dem ein neuer Name steht, den niemand kennt als Gott" (Offb 2,17). d)
Unterrichtseinheit: Die Erde als Symbol GottesMedium: Astronautenphoto
vom Aufgang des Planeten Erde hinter dem MondLernziel: Zum ersten
Mal können wir Menschen unseren eigenen Wohn- und Lebensraum in der Welt
in einer umfassenden Weise photographisch abbilden und damit dessen Schönheit,
Aufgegebenheit und Gefährdetheit mit allen Sinnen erfassen. - Was uns dieses
Bild sagt.
2.3 Offenbarung
Die
Symbolisierungsoffenheit alles Seienden erhält im Zusammenhang mit der christlichen
Glaubensbotschaft eine völlig neue Bestimmung der religiösen Dimension: die
Offenbarung Gottes in der Geschichte (das Inkarnationsereignis als Zentrum
der Heilsgeschichte).
Im
"Essay über die Entwicklung der christlichen Lehre" von 1845 bezeichnet
John Henry Newman die Inkarnation als das Zentralprinzip der christlichen
Lehre. Inkarnation umfaßt für ihn das gesamte Christusereignis von Menschwerdung,
Passion und Auferstehung. In geschichtlicher Ausfaltung und Entwicklung läßt
sich nach Newman die Doppelstruktur des Göttlich-Menschlichen, die im Christusereignis
ihre dichteste Realisierung hat, in neun Teilprinzipien auffächern. Dazu
gehören: Die Sprache wie sie in der Inspiration der Heiligen Schrift und in der
Reflexion der Theologie gebraucht wird; die Materie und Gnade verbindenden
Zeichen der Sakramente, Sakramentalien,
Reliquien; die responsive Praxis,
zu der die Liturgie, die Nachfolge Christi, die Askese und vor allem Nächstenliebe
und persönliches Beten zählen
Newman hatte
eine angstlose Einschätzung der Kraft der christlichen "Idee", wie
er die Botschaft der Inkarnation Gottes in der Menschheitsgeschichte nannte.
Sie werde durch die Begegnung mit anderen religiösen Ideen in Weltreligionen
und Weltanschauungen nicht verfälscht oder zerstört, sondern gehe aus allen
Assimilierungsprozessen bereichert hervor. Das ist für Newman der Test für
die göttliche Kraft ihrer Herkunft und ihres Inhalts
. Damit trat Newman sowohl
der Ängstlichkeit der Apologeten seiner Zeit entgegen, wie auch der historisch-kritischen
Infragestellung, die die heilsgeschichtliche Struktur von Kirche und Kirchengeschichte
auf die profane Ebene reduzieren wollte (beides verkörpert durch Henry Hart
Milmans "View of Christianity")
Interessanterweise
wird Newmans Lehre von der Bedeutsamkeit der Heilsgeschichte und von der sakramentalen
Struktur der christlichen Lehre unterstützt und bestätigt in Mircea Eliades
religionsgeschichtlichen Studien; und zwar - soweit ich sehe - in doppelter
Weise:
a) Die Offenbarung des
Heiligen/Göttlichen in der Geschichte ist nach Eliade der ureigenste Beitrag
Israels in der Menschheit. Israel hat gewissermaßen die Geschichte als Ort
der Theophanie und damit als Heilsgeschichte erfunden oder entdeckt und als
Kategorie für das Selbstverständnis der Menschheitsgeschichte zur Verfügung
gestellt.
b) Die christlich-jüdischen
Symbole wie Abendmahl und Taufe sind nach Eliade verschieden von den Mythen
anderer Religionen; denn sie haben ihre eindeutige Geschichtlichkeit, ihren
historischen Ursprung. Deshalb sollten auch die Kirche und die Theologie im
Zusammenhang mit ihrer Forschung heutzutage die Ängste aufgeben, die die Vergleichbarkeit
und die Gemeinsamkeiten mit den Elementen aus den Mysterienreligionen tabuisierten.
"Christentum ist eine geschichtliche Religion, tief verwurzelt in einer
anderen geschichtlichen Religion, der der Juden. Um deshalb gewisse Sakramente
und Symbole zu erklären, um sie besser zu verstehen, muß man nur nach ihren
Präfigurationen im Alten Testament schauen... (Schon) die Kirchenväter waren
verpflichtet, um nicht mit den 'Initiaten' der verschiedenen Religionen und
Mysterien verwechselt zu werden..., den polemischen Standpunkt, den sie hatten,
einzunehmen. Alles Heidentum zu verwerfen, war für den Triumph der Botschaft
Christi unerläßlich. Wir dürfen (jedoch) fragen, ob diese polemische Haltung
heutzutage noch so streng notwendig ist... Es scheint evident, daß die christlich-jüdische
Symbolik der Taufe in keiner Weise der universal verbreiteten Wasser-Symbolik
widerspricht."
- Tatsächlich gibt es
in neuerer Zeit auch historisch-kritisch arbeitende exegetische Studien,
die genau diesem Desiderat von Eliade im Sinne eines angstlosen Umgangs der
eigenen christlichen Tradition entsprechen.
Orientieren
wir uns zunächst am Verständnis des Sakraments in der christlichen bzw. katholischen
Theologie, wie es aus der Patristik durch die scholastische Formel ausgedrückt
wurde als "signum visibile gratiae invisibilis, a Christo institutum",
so bringt uns diese Aussage zunächst auf die essentiell-elementare Ebene.
Wo es um Lebenszusammenhänge des einzelnen und der Gemeinschaft heutiger Christen
als Kinder, Jugendliche und Erwachsene geht, führt das Sakramentenverständnis
Karl Rahners weiter. Er beschreibt Sakramente als Selbstgabe Gottes in Jesus
Christus durch das Wirken der Kirche in Schlüsselsituationen des einzelnen
Menschen und seiner Biographie.
In der Tendenz dieses
Sakramentenverständnisses zeigt sich ein unauflösbarer Zusammenhang zwischen
der Inkarnation als jenem Vorgang, in dem sich Gott unzurücknehmbar in die
Menschheitsgeschichte eingebracht hat, einerseits und den erlösungsbedürftigen
Lebenssituationen des einzelnen Menschen bzw. Christen andererseits. Im Text
der Gemeinsamen Synode heißt es: "Von jeher stellt sich dem Menschen
an den wichtigen Stationen seines Lebens mit besonderer Eindringlichkeit
die Frage nach dem Sinn dieses Lebens... Eine eigene Deutung und Bestimmung
solcher Situationen gibt der christliche Glaube in den Sakramenten... Christus
ist das Zeichen, in dem wir die Sorge Gottes für uns Menschen erkennen und
erfahren, er ist das Ursakrament... Die Kirche als die vom Heiligen Geist
geeinte Gemeinschaft der Gläubigen ist für die Welt das bleibende Zeichen
der Nähe und Liebe Gottes. So ist sie "in Christus gleichsam das Sakrament,
das heißt Zeichen und Werkzeug für die innerste Vereinigung mit Gott wie für
die Einheit der ganzen Menschheit" In den sakramentalen Zeichen, die
aus dem Lebensbereich des Menschen genommen sind, begegnet uns Christus und
schenkt uns sein Heil... So sind die Sakramente Zeichen des Glaubens in zweifacher
Hinsicht: Der gläubige Mensch bezeugt in ihrem Empfang seinen Glauben an die
wirksame Hilfe Gottes; durch dieses Wirken Gottes wird ihm gleichzeitig Glaube
geschenkt und bestärkt."
3. Religionspädagogische Fragestellung und Folgerung
Läßt
sich also das Leben eines Menschen in seinen Grund- und Hauptsituationen, aber
auch als Ganzes in seinem Anfang und Ende "umsymbolisieren" aus der
Ambiguität und aus der Todverfallenheit, aus dem persönlichen und kollektiven
Schuldzusammenhang auf Teilnahme am ewigen und unzerstörbaren Leben? Läßt sich
durch Eintauchen und Berührtwerden mit dem ambivalenten Element des Wassers
nicht nur das Eingetauchtwerden in den Tod des Auferstehungs-Christus aufzeigend
erschließen, sondern auch das Erlebnis vermitteln, von jetzt an für die neue
Schöpfung bestimmt zu sein, wenn die alte zugrunde geht (vgl. Röm 8)? Läßt sich
aus der Teilnahme an einer eucharistischen Mahlrunde außer dem Erlebnis tiefer
und friedensspendender Gemeinsamkeit - was ja schon sehr viel wäre - zudem die
Erfahrung mitnehmen, daß das eigene Wesen als "ens sociale" seine
Verheißung erreichen wird, gerade auch oder gerade dann, wenn es sich ausliefert
und für andere verloren gibt? Wird im Jasagen der Verliebten zueinander außer
ihrer äußeren und inneren Intensität und trotz der Brüchigkeiten jedes menschlichen
Ja etwas von jenem zitternden "Ja, Vater - nicht mein Wille geschehe, sondern
der deine" spürbar?
Wer
ein Sakrament der Kirche Jesu Christi als ein Symbol im eigentlichen Sinne
verstanden hat, wem sich die Symbolgeste Gottes in Jesus Christus durch seine
Kirche in der Berührung mit dem Taufwasser, beim Kreuzeszeichen des Chrisam,
beim Essen und Trinken der eucharistischen Gaben, bei der Versöhntheitszusage
im Bußsakrament usw. erschließt, dem wird die Erfahrung der Begegnung mit
dem lebendigen Gott zuteil. In keiner anderen Sprache als in der der sakramentalen
Symbole ist die mittelbare Unmittelbarkeit zum Gott der Heilsgeschichte,
zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, d.h. zum Gott Saras, Rebekkas und Rachels,
zum Vater Jesu Christi so ungebrochen erlebbar wie in der Sprache der Sakramente.
Sie bieten sich so als challenge für eine identitätsstiftende und so sinnstifende
Einführung in das Geheimnis des Lebens an, was für den Lehr-Lernprozeß mit
jedem Sakrament einzeln zu zeigen wäre.
zurück
Vgl.
W. Safire: The first Dissident. The Book of Job in today's politics, New York
1992.
Rede
zur Eröffnung des Priesterseminars von Olton, In: J.H. Newman: Der Anruf Gottes,
Rottenburg-Stuttgart 1965, 127-145.
Buggle,
F.: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise
nicht mehr Christ sein kann, Reinbeck 1992.
Küng,
H.: Existiert Gott? München 1978.
Vgl.
Fragment 233 (ed. Brunsvig).
Welte,
B.: Was mich Glauben läßt. Hrsg. von B. Casper, Frankfurt 1991.
Vgl.
Oser, F.: Wieviel Religion braucht der Mensch? Gütersloh 1988.
Vgl.
Heidegger, M.: Was ist Metaphysik? Frankfurt 1969.
Vgl.
Levinas, E.: Ethik und Unendliches, Böhlau 1986, ders.: Die Spur des Anderen,
Freiburg 1983.
Eliade,
M.: The Symbolism of Shadows in Archaic Religions, in: Ders.: Symbolism, the
Sacred, and Arts, New York 1985, 13.
Ricoeur,
P.: The Problem of the Double Sense as a hermeneutical Problem and as a semantic
Problem, in: Myths and Symbols, Studies in Honour of M. Eliade, J. Kitagawa
et al. eds., Chicago 1969, 63-79, hier 68, vgl. Aristoteles: to on pollachos
legetai.
Eliade,
M.: The Symbolism of Shadows, a.a.O. 3 u. 5 u.ö.; vgl. Yob, Iris, The Symbols
of Religion (Diss Educ), Harvard 1990.
Vgl.
Deller, U.; Wentzler, R.: Zwischen Teddybär und Kreuz, in: KBl 111 (1986),
912ff; dies.: Das ist mir heilig, hrsg. v. BDKJ Aachen, Düsseldorf, 1987.
Vgl.
Heisig, J.W.: Symbolism, in: M. Eliade, ed.: The Encyclopedia of Religion,
Vol. 14, New York; London (MacMillan Publishing Company) 1987, 198-208.
Newman,
J.H.: Über die Entwicklung der Glaubenslehre, Mainz 1969, 281f. (Ausgewählte
Werke VIII).
Vgl.
Newman, J.H.: ebd 328ff.
Vgl.
Biemer, G.: Niebuhrisieren? Newman als Historiker, in: Münchener Theologische
Zeitschrift 43 (1992), 421-435.
Eliade,
M.: Geschichte der religiösen Ideen, 4 Bde, Freiburg 1978ff. Vgl. dazu Tzscheetzsch
W.: Heilsgeschichte im Religionsunterricht, Diss. Habil. MS Freiburg 1992.
Eliade,
M.: Images and Symbols. Studies in Religious Symbolism, New York 1961, 157f.
Vgl.
Klauck, H.J.: Herrenmahl und hellenistischer Kult, Münster 1982, 317.
Rahner,
K.; Vorgrimler, H.: Kleines Theologisches Wörterbuch, Freiburg 1961, 319.
Schwerpunkte heutiger Sakramentenpastoral, in: Gemeinsame Synode der
Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. v. L. Bertsch u.a., Beschlüsse,
I, 238-275; 240.